Liebe Leserinnen, liebe Leser,

es waren merkwürdige Wochen, die wir bisher in der „Coronazeit“ hinter uns haben. Wochen, die wir sehr unterschiedlich erlebt haben. Manche waren relativ unangefochten, sind über Technik in viele soziale Kontakten eingebunden und/oder leben mit ihrer Familie, Wohngemeinschaft und Arbeit nicht mit absoluten Kontaktsperren.

Andere fühlen sich sehr allein, Ängste entwickeln sich stärker als sonst und belasten die Seele. Besonders für nicht mehr mobile alte Menschen in Senioren- und Pflegeheimen oder in Krankenhäusern ist die Kontaktsperre zu ihren Angehörigen oft sehr schmerzhaft. Und diejenigen, die darum kämpfen, dass sie ihr Geschäft oder ihren Betrieb weiterführen können, sind mit einem enormen Kontrollverlust konfrontiert. Auch wenn sie sich noch so sehr Mühe geben, sehen manche, wie ihre Existenzgrundlage zusammenbricht. Angesichts dieses schönen Frühlings gingen mir auch all diejenigen durch den Kopf, die jemanden neu kennengelernt haben und in „Verliebenlaune“ sind. Da erscheint es doch wirklich auch absurd, wenn man immer Abstand halten soll.

Mir fiel auf, wie viele Menschen mir von ihrem Schlaf erzählt haben „Ich brauche viel mehr Schlaf“ habe ich oft gehört, aber auch „In dieser Nacht habe ich wieder lange wach gelegen und gegrübelt.“ Einige stellen fest, dass sie mehr essen als sonst und wieder andere erleben diese Tage vorrangig mit Fernsehen und Zigaretten. Nicht wenige aber arbeiten viel, sind sehr aktiv und manchmal auch sehr erschöpft. Wir reagieren unterschiedlich und manche Reaktionen lassen sich vielleicht nur so erklären, dass wir alle irgendwie verarbeiten müssen, was wir täglich hören und erleben - und oft reagiert unser Körper ohne dass unser Kopf eine bewusste Strategie gefunden hat.

Nach meinem Eindruck haben wir bisher noch wenig Sprache dafür gefunden, was mit uns hier und weltweit geschieht, können innere Prozesse noch schlecht beschreiben. „Mir geht es gut, aber ich habe oft so ein bleiernes Gefühl, besonders, wenn ich mit mir selbst alleine bin“ denke ich, oder höre sogar: „Ich denke einfach oft, dass ich an Covid-19 sterben werde, weil ich so eindeutig zur Risikogruppe gehöre“ oder auch: „Mir eröffnet diese Zeit Gutes, ich spüre wieder mehr, was wirklich wichtig ist und bin dankbar für eine wachsende Freundlichkeit, die ich wahrnehme.“ Viele sind sich sehr bewusst, wie privilegiert sie in Deutschland leben und empfinden Scham und Empathie für Menschen an anderen Orten der Erde, die der Pandemie viel hilfloser und aussichtsloser ausgesetzt sind, als wir hier.

Aber jetzt ist nicht nur Coronazeit. Es ist auch Osterzeit. Christoph Blumhardt, ein Pfarrer und Politiker (*1842, † 1919) hat einmal gesagt: “Wir sind Protestleute gegen den Tod“. Er verstand die Folgen der Auferstehung Christi als einen spürbaren Aufstand von Christenmenschen gegen Todesmächte. Dabei hatte er damals schon Kriege und Umweltkatastrophen und das Leiden der Armen im Blick. Einmal sagte er: „Es könnte uns bange werden in unseren Tagen … Doch wir fürchten uns nicht, die Barmherzigkeit steht uns zur Seite, auf sie dürfen wir hoffen, denn sie erweist sich in den gefährlichsten Zeiten am mächtigsten“.

Ich wünsche uns in diesen Tagen den Protest gegen den Tod, nicht gegen den Tod am Ende eines vollen Lebens, aber gegen den sozialen Tod oder den Tod in Flüchtlingslagern oder den einsamen Tod. Und ich wünsche uns, dass wir barmherzig sein können, durchaus auch gegenüber uns selbst und unseren Reaktionen auf die Pandemie. Barmherzig auch gegenüber Menschen, die uns jetzt brauchen. Nicht wenige von euch glauben, dass die Zeit nach Corona eine bessere Zeit sein wird, weil wir vieles neu gelernt haben. Gebe es Gott!

Bleiben Sie behütet, Ihre Ute Gniewoß

 

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