Sonntag, 15.09.2019, 18 Uhr

Gottesdienst mit Einführung des Regionalkantors Johannes Stolte, Heilig- Kreuz-Kirche, Berlin

Singt Gott ein neues Lied – so haben wir diesen Gottesdienst überschrieben. Das schöne Titelbild auf dem Gottesdienst-Programm macht Freude und Lust auf das Singen und Musizieren! Singt Gott ein neues Lied - zur Einführung eines neuen Kirchenmusikers passt das natürlich, denn eine Einführung ist ein Anfang, da erwarten wir alle, dass etwas Neues losgeht.

Neu ist in jedem Fall, dass du, Johannes jetzt Regionalkantor bist. Ab jetzt geht die Kirchenmusik von Heilig Kreuz-Passion mit der Kirchenmusik der Nachbargemeinde im Westen – der Jesus Christus-Gemeinde- zusammen. Wir teilen uns also zu bestimmten Anteilen gemeinsam einen Kantor, das ist kreiskirchlicher Strukturreform geschuldet und wir nehmen es als Chance für eine neue Zusammenarbeit.

Neu ist heute aber nicht nur der Blick nach Westen zur Jesus Christus-Gemeinde. Auch der Blick in die Nachbarregion Richtung Osten ist heute herausfordernd: Hier sind wir Teil der interreligiösen Begegnungstage in und um den Graefekiez....da klopft unsere nicht-christliche Nachbarschaft an unsere Tür und fordert uns heraus uns zu öffnen, den Nachbarreligionen zu begegnen und uns über unsere Religionen auszutauschen.

So stellt sich hier und heute also die Frage: Singt Gott ein neues Lied - was ist ein neues Lied in der Gemeinschaft mit der Nachbargemeinde JC und im interreligiösen Kontext?

Kirchenmusik ist ja augenscheinlich eher eine Hüterin der alten Lieder: Gesangbuchlieder, teilweise aus dem 16. Jahrhundert, Kantaten, liturgische Gesänge... Aber die Kirchenmusik hat von den Anfängen der Gemeinden bis in unsere Gegenwart hinein immer auch die Theologie und die Kirche erneuert. Viele musikalische Erneuerungen haben Kirchenreformen initiiert. So waren die Lieder von Martin Luther eines der wichtigsten Medien für die Ausbreitung der Reformation und des Protestantismus. In vielen Städten wird der Beginn der reformatorischen Bewegung mit dem Zeitpunkt festgelegt, als dort zum ersten Mal ein deutschsprachiges Lied im Gottesdienst gesungen wurde. Für eine wenig alphabetisierte Bevölkerung war der Gesang das wichtigste Medium, um an der neuen Glaubensbewegung teilhaben zu können. Lieder sind etwas anderes als das Gesagte. Sie sind nicht in erster Linie für den Verstand da, also nicht für die kognitive Hälfte des Hirns, sondern für die andere Hälfte, die emotionale. Luther selber hat in seinem Weihnachtslied formuliert: Vom Himmel hoch da komm ich her ich bring euch gute neue Mär. Der guten Mär bring ich so viel, davon ich singen und sagen will.

..."davon ich singen und sagen will" (EG 23,1). Also, erst das Singen, dann das Sagen..

Beim Blick in die Bibel bin ich auf eine Person gestoßen von der gesagt wird, dass sie der Anfang der Musikgeschichte war. David - der Urvater der Musik – er war der Inbegriff des neuen Liedes zu seiner Zeit. David hat die Kultische Musik gegründet, zumindest im Judentum und im Christentum. Aber
auch im Koran wird der Prophet David mit seinen biblischen Liedtexten, den (Psalmen) und mit seinen musikalischen Gaben gepriesen. (Sure 17.55) „David haben wir ein Buch der Psalmen gegeben.
Davids Bedeutung für die Musikgeschichte beruht in erster Linie auf dem Bericht über sein Harfenspiel als junger Hirte. Er muss so schön die Harfe gespielt haben, dass man ihn dem König Saul empfahl und er für den König spielen sollte. Immer wenn Saul depressiv war oder aufgewühlt, spielte ihm David wohlklingende, beruhigende Melodien vor. (1. Samuel 16:16). Weil, wie es im 1.Buch Sam. heißt »der Geist des Herrn mit ihm war«, vermochte Davids Harfenspiel böse Geister zu vertreiben und den Geist Gottes über Saul zu bringen.

Schon bei David und Saul war es so: Musik entführt in eine andere Welt – mittlerweile haben das auch die Neurowissenschaftler grundlegend erforscht: Musik geht in die Zentren unserer Emotionen, ohne Umweg über den Verstand, direkt ins Mittelhirn, ins sogenannte limbische System. Da ist unser emotionales Gedächtnis. Und dort kann uns die Musik sowohl beruhigen (Amygdala/Mandelkerne), als auch anregen und das Glückshormon Dopamin ausschütten. Musik drückt unser Leben in Tönen aus rührt unsere Gefühle, lässt Tränen fließen vor Trauer aber auch vor Freude...

Das hat David auch gespürt und gelebt. Er war ein Mensch, der sehr aus sich herausgehen konnte und fröhliche, rhythmische Musik liebte. (2. Chronika 7:6). Als er die Bundeslade (ein altisraelitische Schrein) zum Berg Zion hinaufbringen ließ, hüpfte und tanzte er voller Freude und Hingabe,.

5David und ganz Israel tanzten vor dem Heiligen mit allen Zypressenholzflöten, mit Leiern und Harfen, mit Handtrommeln, Rasseln und Zimbeln......

Da ging David hin und brachte unter Jubelliedern den Schrein Gottes vom Haus Obed-Edoms hinauf in die Stadt Davids. (...)14David tanzte mit aller Kraft vor dem Heiligen, bekleidet mit einem Priesterschurz aus Leinen. 15So brachten David und ganz Israel den Schrein des Heiligen hinauf unter Jubellärm und Hörnergetön.

Aus: (Bibel in gerechter Sprache) 

Ein mitreißendes Ereignis muss das gewesen sein.

David etablierte später den kultischen Gesang. Er baute einen Chor auf – so heißt es - von 4 000 Sänger und Musikern. Davon waren 288 geübte Sänger, die die anderen ausbildeten und anleiteten. Alle 4 000 haben bei den drei großen jährlichen Festen gesungen und gespielt. Dieser mächtige Chor muss schlicht überwältigend gewesen sein! (1. Chronika 23:5; 25:1, 6, 7).

Wir wissen, dass David daneben auch noch Lyriker war und ihm über die Hälfte der Psalmen zugeschrieben werden – und, dass er sogar selbst Instrumente baute.

David der Urvater der Musik.

Bis heute sind kultische Gesänge lebendig: im Judentum bei den synagogalen Gesängen, aber auch in den anderen Religionen. Dieser Gottesdienst und die Präsenz der Chöre und der Orgel lassen es uns gerade erleben wie bewegend Musik ist. Auch der Islam ist eine Religion des Ohres. Weil Gott im Koran Sprache geworden ist, gibt es die Kunst der Koranrezitation, um Gott zum Klingen zu bringen.

Zu Pfingsten – beim Karneval der Kulturen -  erleben wir hier in der Heilig-Kreuz-Kirche jedes Jahr wie begeisternd die Musik bis heute in den unterschiedlichen Religionen ist: Das interreligiöse Gebet am Pfingstmontag lebt davon, dass wir den Klang der Gebete in unseren unterschiedlichen Traditionen wahrnehmen und teilen: Wenn der Hindu sein Gebet in Hindi singt, die Sufis das Gebet tanzen, die jüdische Kantorin das Hallelujah singt – dann steht, wie Martin Luther schrieb: das „Singen vor dem Sagen“! – die Musik vor dem kognitiven Verstehen...

Und das hat eine enorme Anziehung und Kraft – gerade auch in der Begegnung des Fremden. Das inspiriert und erweitert die jeweils eigene Tradition.

Singt Gott ein neues Lied: Vielleicht ist in unserer internationalen und multikulturellen Welt, die sich ja hier um uns herum in Kreuzberg auch abbildet, neben der Pflege unserer eigenen christlichen Kirchenmusik die Öffnung für die interreligiöse Dimension eine neue Herausforderung.

Bundesweit und international gibt es da bereits viele interreligiöse Musikprojekte: In Frankfurt z.B. der interreligiöse Chor unter der Leitung der beiden Chorleiter dem Juden Daniel Kempin und der christlichen Kantorin Bettina Strübel. Ein Chor der geistlichen Musik aus Christentum, Judentum und Islam vereint. Oder das „Interreligiöse Chorlabor“ Trimum. Seit dem Kirchentag in Stuttgart 2015 hat es eine überwältigende Resonanz. Hier laden sich Juden, Christen und Muslime gegenseitig zum Mitsingen ein. Trimum hat Liedersammlungen für Kindergarten, Schule und Altenheim sowie für religionsübergreifende Feiern erstellt. Trimum bietet Workshops an und strickt ganz individuelle Formate.

Die Begeisterung für die Musik der Religionen besteht von der Zeit Davids bis heute, denn Musik berührt unser Innerstes. Singen wir also Gott ein neues Lied, und teilen wir unser Innerstes miteinander, das befähigt uns zu Empathie, zu Mitgefühl.
In unserer zerrissenen Welt, in der Hass wächst statt Mitgefühl ist dies doch ein friedensbildendes
und zukunftverheissendes Tun.

Amen.

Pfarrerin Barbara von Bremen