Gottesdienst am 1. Advent 2018 in der Heilig Kreuz Kirche: Eröffnung der Aktion „Brot für die Welt“

Thema: Hunger nach Gerechtigkeit

Predigt von Pfarrerin Ute Gniewoß

(Die Predigt begann mit der im Folgenden beschriebenen Inszenierung. Diana Namusoke und Ute Gniewoß standen auf einer Höhe im Raum. Die Gemeinde konnte beobachten, wie zwischen den Beiden eine Distanz entstand, da sie die ihnen gestellten Fragen jeweils durch einen Schritt nach vorne oder nach hinten beantworteten.)

 

Felicitas Hentschke:

Liebe Schwestern und Brüder,

um den Hunger nach Gerechtigkeit soll es jetzt gehen. Wir fragen uns, wie groß ist eigentlich Ungerechtigkeit? Wie stark wirkt sie in unseren eigenen Biografien hinein? Wir wollen das jetzt nicht mit Daten und Fakten prüfen, sondern uns nur einen Moment Zeit nehmen, um auf zwei Leben zu schauen, die unterschiedlicher kaum sein können. 

Diana Namusoke aus Uganda und Ute Gniewoß aus Deutschland -  beide waren am Anfang einfach Babies mit ihrem ganzen Leben vor sich, aber geboren und aufgewachsen in verschiedenen Welten.

Ich werde nun beiden jeweils die gleichen Fragen stellen und sie werden sie ehrlich beantworten – so wie es ihnen in ihrer jeweiligen Lebensbiographie widerfahren ist.

Ich werde all Fragen auch auf Englisch sprechen, damit Diana uns versteht.

Dear sisters and brothers,

In this service today we take a close look at the hunger for justice.

And we ask ourselves, how profound is injustice anchored in our own lives?

We won’t overload you with illustrative data. We only want to have a closer look at two apparently very different life courses.  

Diana Namusoki from Uganda and Ute Gniewoß from Germany - both came as babies into this world. Both had an entire life to build, but were born and raised in different worlds. Now I am going to ask them questions and they shall answer them honestly according to their respective experiences of life.

I translate all questions into English, so that you, Diana, can understand me properly.

  1. Ist es in deinem Leben passiert, dass du manchmal eine Mahlzeit ausgelassen hast, weil du nichts zu essen hattest, dann mach einen Schritt zurück.

Did it sometimes happen in your life, that you skipped a meal, because you didn't have food, then take a step backwards.

  1. Konntest du die Schule besuchen, solange du wolltest, dann mach einen Schritt nach vorne.

Could you visit school as long as you wanted, then take one step forward.

  1. Wenn es längere Phasen in deinem Leben gab, in denen du nicht krankenversichert warst, mach einen Schritt zurück.

If you ever experienced long periods in your life, in which you didn't have health insurance, take on step backward.

  1. Bist du jemals Opfer physischer Gewalt geworden, weil du eine Frau bist, dann mach einen Schritt zurück.

Have you ever been a victim of physical violence, because you are a woman, take one step backwards.

  1. Bist du jemals ein Opfer geworden aufgrund deiner sexuellen Orientierung, dann mach einen Schritt zurück.

Have you ever been a victim of violence associated with your sexual orientation, take one step backwards.

  1. Wenn dich deine Familie in deinem Leben unterstützt hat, mach einen Schritt nach vorne.

Did your family support you in life, take one step forward.

  1. Konntest du dir deinen Beruf aussuchen, dann mach einen Schritt nach vorne.

Were you allowed to choose the profession you wanted to follow, take one step forward.

  1. Wenn du heute zur Bank gehen könntest, um mit der Sicherheit auf Erfolg, einen Kredit zu beantragen, mach einen Schritt nach vorne.

If you could go to a bank today and apply for a credit with the good prospects of success, take one step forward.

  1. Wenn du jemals diskriminiert worden bist aufgrund deiner Hautfarbe, mach einen Schritt zurück.

Have you ever experienced discrimination associated with the color of your skin, then take on step backward.

Gnade sei mit euch vom Gott des Friedens und unserem Meister und Heiland Jesus Christus!

Liebe Gemeinde,

neun Fragen und schon tut sich eine sichtbare Distanz auf. Neun Fragen von viel mehr möglichen Fragen. Wie groß wäre die Distanz, wenn wir 50 Fragen zu beantworten gehabt hätten? Vielleicht würden wir Diana dann gar nicht mehr sehen, weil sie so viele Schritte nach hinten gemacht hätte. Und ich hier vorne hätte sie auch nicht mehr im Blick, weil ich weit weg von ihr gewesen wäre.

Zwischen uns beiden besteht ein großer Unterschied: sie hat in ihrem Leben Ungerechtigkeit erfahren in vielfacher und existenzieller Weise, sie kämpft dagegen an, sie ist eine tapfere Frau, aber sie konnte sich der Ungerechtigkeit nur sehr begrenzt entziehen.

Ich dagegen habe mein Leben gelebt und es einfach als ein normales Leben empfunden. Ungerechtigkeit habe ich erfahren, aber unvergleichlich weniger als sie. Ich war mir meiner Privilegien, die ich im Verhältnis z.B. zu ihr habe, lange Zeit noch nicht einmal bewusst. Ich fühlte: ich bin ein Mensch, der sich Mühe gibt, der andere im Blick hat, der abgeben kann, ich bin trotz aller Selbstzweifel, die manchmal an mir nagen, weil ich meinen eigenen Ansprüchen nicht genüge, doch irgendwie ok..

Ich konnte mit meinen Privilegien im Großen und Ganzen gut leben. Diana konnte mit der von ihr erfahrenen Ungerechtigkeit nicht gut leben. Im Gegenteil, sie wäre fast daran gestorben.

Aber unsere Welt ist so sehr in verschiedene Lebensbereiche und Orte aufgeteilt, dass wir einander gar nicht begegnen müssen. Ich lebe mein Leben in meiner Kirche und meinem Kiez, freue mich an der Vielfältigkeit, laufe vielleicht sogar an Menschen vorbei, die großes Unrecht erleiden, aber ich begegne ihnen nicht wirklich.

Ich nehme die Bettler in der U-Bahn wahr, gebe vielleicht auch etwas, aber wir begegnen uns nicht wirklich – und schon gar nicht auf Augenhöhe. Ich vergieße manchmal Tränen vor dem Fernseher, wenn gerade mal wieder besonders krass deutlich wird, wo Menschen leiden – aber Diana muss kämpfen. Sie kämpft mit anderen, mit der Unterstützung von Freundinnen. Sie hat ihre Scheu überwunden - nach vielen Jahren - und sagt: Ich will nicht sterben, ich spreche, ich kämpfe, ich will leben.

Nun sind wir uns begegnet. Wir sind uns begegnet, weil uns jemand zusammengebracht hat, dem wir beide trauen: Jesus Christus. Der Weg lief über Netzwerke, Bekannte, die Organisation „Asyl in der Kirche“ . Viele Verbindungspunkte gab es da, aber ich erlebe es als eine Verbindung durch Christus selbst. Wir kennen uns nicht gut, aber wir trauen Christus und seinen Verheißungen.

Der hat einmal gesagt: "Selig sind, die hungert und dürstet nach Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden."

Das war einer der Sätze, die er, wie Matthäus uns überliefert, am Anfang der Bergpredigt gesprochen hat. Da hat er manche Menschen herausgehoben und selig gesprochen, Menschen, die Gott ganz vorne sieht in seinem Sehnsuchtsprogramm für diese Erde.

"Selig sind, die hungert und dürstet nach Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden."

Nur über diesen einen Satz will ich heute mit euch nachdenken. Jesus war umgeben von Menschen, die wussten, was Hunger und Durst ist und die wussten, was der Hunger und Durst nach Gerechtigkeit ist. Einige waren Tagelöhner, andere Bettler, wieder andere Kranke. Manche litten unter der harten Steuerpolitik der Römer und manche starben jung. Aber nicht nur ihnen begegnete er und sprach mit ihnen. Er begegnete auch Zöllnern, Obersten der römische Armee, reichen jungen Männern, klugen Schriftgelehrten und betuchten Frauen, die ihn mit Ihrer Habe unterstützten.

Er sah sie alle, er spürte sie und er ertrug den Abstand zwischen ihnen nicht. Er ertrug nicht, dass es für die einen immer wieder einen Schritt zurück ging und für andere so viele Schritte nach vorne. Jesus war Jude und hat gelernt, was Gerechtigkeit ist. Seine Kopf- und Herzensbildung war geprägt von einem Gerechtigkeitsverständnis, das das gute Leben für alle will – und die so unterschiedlich verteilten Chancen dafür ernst nimmt.

Wir haben bei dem Wort Gerechtigkeit manchmal die Iustitia vor Augen, diese römische Göttin, die mit dem Schwert straft, die verbundene Augen hat als Zeichen dafür, dass sie die Person nicht ansieht, die eine Waage in der Hand hält, als Symbol dafür, dass sie jedem das Seine zuteilt.

Das Gerechtigkeitsverständnis der Iustitia aber berücksichtigt nicht die so ganz unterschiedlichen Lebensvoraussetzungen. Die Iustitia vertritt ein Gerechtigkeits-verständnis, dass Anatole France mal sinngemäß auf den Satz gebracht hat: „Es ist den Millionären und den Obdachlosen gleichermaßen verboten unter Brücken zu schlafen.“

„Die soziale Gerechtigkeit in der Bibel ist keine von der Gottesbeziehung getrennte Kategorie, vielmehr gibt es jenseits von Recht und Gerechtigkeit gar keine Beziehung zu Gott“. (j. Ebach)Mit Gott zu tun haben, heißt mit der Frage nach Gerechtigkeit zu tun zu haben. Besonders deutlich wird das bei den Propheten: da wo es den großen Abstand gibt zwischen den Privilegierten auf der einen Seite und den Leidenden auf der anderen Seite, geschieht Unrecht und geht es dem Volk als Ganzes nicht gut, ja, ist Krieg eine wahrscheinliche Konsequenz. So hält z.B. der Prophet Jeremia dem König Zedekia vor, ich zitiere: „ Dein Vater – hat er nicht gegessen und getrunken? Und er tat Recht und Gerechtigkeit, da ging es ihm gut, er führte die Rechtssache der Elenden und Armen, da ging es ihm gut. Heißt das nicht, mich erkennen?“

In der Bibel hat Gott nicht verbundene Augen, im Gegenteil, Gott schaut hin. Christus schaut hin. Und damit nun dieser große Abstand zwischen den so unterschiedlichen Lebenschancen nicht bleibt, ist das biblische Gerechtigkeitsverständnis parteilich. Gott steht an der Seite der Ausgegrenzten, an der Seite derer, die vom Tod bedroht sind, sei es durch Ausbeutung, durch Hunger, durch Menschenrechtsverletzungen oder heute auch durch Wassermangel und Klimawandel. In den Kernbotschaften von „Brot für die Welt“ klingt das ganz schlicht so: „Wir setzen uns für die Gleichberechtigung aller Menschen ein, egal, wo sie leben.“

Diese Parteilichkeit in der Bibel geht so weit, dass Christus sich selbst mit den Armen, den Hungernden, den Fremden, den Obdachlosen identifiziert und sagt: „Was ihre einem von diesen meinen geringsten Schwestern und Brüdern getan habt, das habt ihr mir getan.“ Deshalb spricht er sie selig, setzt sie in der Bergpredigt gleich zu Beginn ins Zentrum, sagt allen anderen: schaut hin und versteht: „Selig sind, die da hungert und dürstet nach Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden“. Dafür stehe ich, dafür steht Gott ein. Nehmt diesen Hunger und Durst wieder neu wahr, seht hin, hört zu, solidarisiert euch.

In unserer Gesellschaft und Kirche gibt es eine Hinwendung zu den Armen und Ausgegrenzten, es gibt Empathie, es gibt ein großes Netzwerk von helfenden und wohlwollenden engagierten Menschen. Gott sei Dank! Aber diese Empathie ist noch immer gezeichnet von einem Machtgefälle, von der Unbewusstheit eigener Privilegien.

In unserer Gemeinde z.B. gibt es trotz unseres Engagements für Obdachlose und Geflüchtete unter den fest angestellten Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen niemanden, der eine migrantische Herkunft hat oder als Geflüchtete zu uns kam. Auch im Gemeindekirchenrat: niemanden. Das zeigt, dass wir zwar gute Absichten haben, aber die Distanz zwischen den verschiedenen Lebensverhältnissen immer noch groß ist.

Und doch können wir den Hunger und Durst nach Gerechtigkeit teilen, wir sind nicht außen vor. Wenn es zu echten Begegnungen kommt und wir uns selbst nicht primär als „die Normalen“ sondern primär als „die Privilegierten“ sehen lernen, dann sind Begegnungen auf Augenhöhe, dann ist Solidarität nicht ausgeschlossen.

Jesus hält seine Parteilichkeit durch. Eben haben wir im Evangelium die Szene vor Augen gemalt bekommen, wie Jesus in Jerusalem ein reitet, eine lächerlich anmutende Szene aus dem Blickwinkel der Herrschenden, denn ein König kommt auf einem Pferd oder in einer großen Karosse oder heute in geschützten Limousinen. Unser König aber reitet auf einem Esel nach Jerusalem hinein, auf dem Arbeitstier armer Leute.

Und so ist er genau der Gerechte und der Helfer, den auch wir brauchen. Für das Heilwerden unserer Welt. Für eine Zukunft auch von Diana, für echte Begegnungen auf Augenhöhe. Auf ihn wollen wir warten in diesem Advent, ihm wollen wir entgegengehen. Kommt ihr alle mit? Amen

Zum Hintergrund:

  • Diana Namusoke ist im Kirchenasyl in unserer Gemeinde. Im selben Gottesdienst richtete sie folgende Worte an die Gemeinde: „My name is Diana Namusoke , good morning again to everybody. I'm from Uganda and I'm here now, because I'm in churchasylm. The german state wants to deport me back to Uganda, because the state doesn't belive me, that I'm a lesbian woman. In Uganda my life would be in big danger. The people, who guide this congregation decided to take me into churchasylm and to protect me. I want to say thank you for your love, your support and your care. I'm a christian like you and so I feel, that I have sisters and brothers here. Thank you everyone“.
  • Zu den Kennzeichen biblischer Gerechtigkeit habe ich Gedanken übernommen von Jürgen Ebach. s.: „Recht ströme wie Wasser“ Beobachtungen und Überlegungen zu Amos 5,23f., erschienen in: Jürgen Ebach, In den Worten und zwischen den Zeilen, Erev-Rav-Hefte, Biblische Erkundungen Nr. 6, Wittingen: Erev-Rav 2005, ISBN 3-932810-31-7