31.5.2015 Trinitatis
Predigt 150 Jahre Gemeindejubiläum "Zum Heiligen Kreuz"
von Dagmar Apel


Die Gnade unseres Herren Jesus Christus und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!

Liebe Gäste aus London,
liebe Freundinnen und Freunde der Heilig – Kreuz -  Kirche, liebe Gemeinde,
Welcome all of you!

Was verbindet uns alle miteinander? Was verbindet nicht nur die Getauften hier heute und jetzt in der Heilig Kreuz Kirche miteinander? Was verbindet uns alle mit den Menschen, die vielleicht vor 50, oder 100 oder 150 Jahren lebten?
Was verbindet Anglikaner und Lutheraner, Christen und Juden miteinander?
Was verbindet uns durch die Zeiten und Orte hindurch?

Ich will es Euch verraten. Es ist ganz einfach. Jeden Sonntag findet es statt, oder anders: wird es gegeben.

Wir alle stehen unter dem Segen Gottes.
Gott segnet uns.
Nicht nur durch die Taufe, sondern jeden Tag neu und bestimmt jeden Sonntag im Gottesdienst.

Ich und meine Kollegen knüpfen an die älteste Tradition, die man in der Bibel finden kann an.
Wir sprechen den Aaronitischen Segen am Ende jedes Gottesdienstes.

Und wir knüpfen damit an eine sehr alte magische Tradition an, die eigentlich aus dem hebräischen Gedächtnis unseres Glaubens kommt.
Es segne Dich der Herr und er behüte dich!
Es lasse aufgehen der Herr sein Gesicht über dir und er sei dir gnädig. Es wende der Herr dir sein Gesicht zu und er gebe dir Frieden. (Num.6, 22)
The Lord bless you and keep you. The Lord make his face to shine upon you, and be gracious to you: the Lord lift up his countenace upon you and give you peace.
Dieser Segenspruch ist uralt. Konkret gesagt: der aaronitische Segen fast 3000 Jahre alt.

Fundort: ein Grab aus der frühen Eisenzeit – also 800 – 700 Jahre vor Christus. Der Text gibt exakt das wieder, was bis heute so in der Bibel steht. Damit ist dieser Segensspruch der mit weitem Abstand älteste Bibeltext. Jedenfalls, den wir original schriftlich belegt haben.

Alt und doch gebräuchlich durch alle Zeiten hindurch.
Mit großen Hoffnungen und Wünschen versehen ist dieser Text so lebendig.
Denn er gibt drei Geheimnisse preis:
Der Text sagt uns, was Gott macht, wie er heißt und was Gott für uns will.

Gott will nämlich, dass wir gesegnet sind. Baruch ist das hebräische Wort dazu.
Segen bedeutet ja alles Gute, alle Lebendige, alles  was wir zum Leben brauchen, das will Gott für uns. Segen ist das Großartigste, dass man einem anderen Menschen zusprechen kann.
Und das zu tun, in seinem Namen - diesem Namen, der so zart und so geheimnisvoll ist, wie eine Liebeserklärung - das will Gott.

Gott will, das wir damit den Kreislauf von Gewalt und Vorurteilen, von Missverständnissen und Zwietracht durchbrechen.
Gott will Shalom für uns. Gott will, dass wir im Frieden leben.
Aber nicht nur im Waffenstillstand, sondern im Urzustand des Friedens.
Gott will Frieden für alles was kreucht und fleucht. Gott will, dass wir Frieden schaffen für unsere Seelen und Herzen, Frieden für unsere Liebsten um uns herum, und Frieden für unsere Nachbarn - für die, die uns fremd sind und eine andere Sprache sprechen. All das umfasst Segen!


Wir leben aber nicht so.
In der 150 jährigen Geschichte unserer Gemeinde können wir das ablesen.
Manche fragen Sie sich jetzt vielleicht, warum eigentlich 150 Jahre?
Wir haben doch erst vor anderthalb Jahren 125 Jahre Heilig - Kreuz - Kirche gefeiert.
Vergeht die Zeit in kirchlichen Gemäuern schneller?

Nein, vor 150 Jahren hat sich die Kirchengemeinde „Zum Heiligen Kreuz“ gegründet. Die Kirchengemeinde hatte damals noch eine provisorische Kirche.
Bis eben vor 126 Jahren diese Kirche erbaut worden ist. Wir gedenken und feiern 150 Jahre Gemeinde „Zum Heiligen Kreuz“ heute.

150 Jahre sind eine lange Zeit. Die ganze Welt hat sich in dieser Zeit komplett verändert.
Und unsere Kirchengemeinde war in all den Zeiten hier in Kreuzberg mittendrin und hat kräftig mitgemacht/mitgemischt.

Anfänglich war sie für die sittliche Genesung der Gegend tätig.
Der Mehringdamm war damals die Staße mit den meisten Bordellen in Berlin.
Viele Kinder wurden ungewollt geboren und auf die Straße gesetzt.
Das ist übrigens auch der Grund, warum die Pfarrer damals so viele Kinder beerdigt haben.
Also die Frauen in der Gemeinde engagierten sich. Hilfsvereine wurden gegegründet.

Die Kirchengemeinde mischte sich auch während der Zeit des Nationalsozialismus ein und mit.
Allerdings genau so wie die meisten Menschen in Deutschland und Österreich. Sie befürworteten den Wahnsinn und saßen kurze Zeit später auf den Trümmern ihres Lebens und auch auf den Trümmern dieser Kirche.

Es musste alles wieder aufgebaut werden.
Das war eine lange und bittere Arbeit, die wie ich meine immer noch nicht ganz abgeschlossen ist.

Auch 70 Jahre nach der Beendigung des 2. Weltkrieges müssen Spuren beseitigt und es muss neu aufgebaut werden.
Das alles ist uns hier in Berlin sehr gegenwärtig.

Heute kann ich hier sagen, dass vieles nicht umsonst war.

Die Kirchengemeinde hat sich ihrer Vergangenheit gestellt und Konsequenzen daraus gezogen.
Unser sichtbarstes Symbol dafür ist die Skulptur von Ismond Rosen: Jesus im Holocaust, hinter mir.

Diese Skulptur haben wir vom Künstler und Psychoanalytiker aus London als Dauerleihgabe bekommen.
Sie ist ein Zeichen des Leidens, der Erinnerung und der Verbundenheit (attachment) für uns zu allen Menschen, die Opfer werden oder geworden sind. Und sie ist auch unser Symbol für den Zusammenhalt (solidarity) zwischen Berlin und London geworden.
Mit Ruth Rosen, der Witwe des Künstlers, gibt es immer noch eine herzliche Beziehung und nun sind Sie da, liebe Gäste aus London von St. Martin-in-the-Fields.  
Das ist eine große Freude und eine große Ehre, dass Sie heute bei uns sind und für uns, aber vor allen Dingen mit uns singen.

Wir dürfen heute eben auch erleben, dass sich unsere Gemeinde und ganz Europa verändert hat. (übersetzen)

Auch, wenn Krieg und Gewalt die heutigen Schlagzeilen der Zeitungen prägen, können wir doch erleben, dass es wieder Zusammenhalt, Interesse und Solidarität zwischen den Menschen der verschieden Ländern und Kulturen gibt.
Das freut mich persönlich ganz doll.
Vielen Dank noch einmal, lieber Andrew and lieber David, and Choral Scholars of St. Martin-in-the-Fields.

Das kann allerdings nur ein Vorgeschmack auf den Frieden, den Shalom sein, den Gott für uns gedacht hat.

Sonntag für Sonntag, damals und heute werden wir gesegnet.

Dieser Segen ist Erinnerung und Verheißung zugleich.
Er hält unsere Sehnsucht wach, nach einer heilen ganzen friedlichen Welt, nach einer Welt im Shalom.
Der Segen ist eine Aufforderung, niemals zu vergessen, dass Gewalt und Krieg, alle Zerstörung in Wort und Tat, gegen Gottes Wille sind.
Die Verheißung und die Aufforderung an uns lautet weiterhin singen und tanzen, planen und trösten, helfen und lieben, zuhören und beten und sich erinnern, damit Gewalt und Zerstörung ein Ende hat und Shalom in unsere Herzen und in unser Leben und unsere Gemeinde einziehen möge.

Amen!

Dagmar Apel

 

In den Arm nehmen

Nehmt einander an
Nehmt Euch an den Händen
Jung und alt
Nehmt Euch in den Arm
Vergebt euch versöhnt euch
Seid heiter
Seid erlöst

Nehmt einander an.


(Hans Peter Hüsch)